Kann der Mittelstand den wertvollsten Schatz des 21. Jahrhunderts heben?

Kann der Mittelstand den wertvollsten Schatz des 21. Jahrhunderts heben?

Digitale Disruption

Deutsche Unternehmen stehen vor einem gewaltigen digitalen Umbruch. Viele haben den Einstieg in die neue Ära bereits eingeleitet, doch ebenso viele suchen noch die richtige Formel für ihr datengetriebenes Geschäft der Zukunft. Kritisch für den Erfolg sind Wendigkeit im unternehmerischen Denken und Handeln, ein freier Blick auf das Neue – und Investitionen.

Tradition und Moderne kommen sich in den bayerischen Provinzstädten Ansbach und Amberg besonders nahe. Dort gibt es die Residenz, die prächtige Mariahilfberg-Kirche und lauschige Biergärten. Wie durch ein starkes Teleskop kann man hier aber auch tief in die digitale Zukunft blicken – mitten hinein in die „Industrie 4.0“, wie sie schon bald auch viele mittelständische Unternehmen prägen dürfte.

Digitale Automatisierung, Hyperproduktivität und Losgröße eins

Nahe Ansbach fertigt der Sportartikelhersteller Adidas in einer unbemannten „Speed Factory“ Hunderttausende Sportschuhe. Das Stanzen, Kleben und Nähen erledigen hochmoderne Roboter und 3D-Drucker, die in nur fünf Stunden eine maßgeschneiderte Bestellung umsetzen können: etwa Schuhe mit türkisblauen Klettverschlüssen, weißer Laufsohle und roten Kappen.

Gut 100 Kilometer weiter östlich, in Amberg in der Oberpfalz, stößt man auf die vollautomatische „Lights Out Factory“ für elektronische Maschinensteuerungen von Siemens. Die sich nahezu selbst organisierende, 10.000 Quadratmeter große Fertigungsanlage produziert pro Sekunde eine Steuerungseinheit, bei einer Ausschussrate nahe null und der achtfachen Produktivität gegenüber herkömmlichen Werken. Menschen werden dafür eigentlich nicht mehr gebraucht – sie konzentrieren sich auf die Überwachung der Anlage. Die eigentliche Arbeit erledigen die untereinander vernetzen Maschinen nahezu selbstständig.

Daten sind das Gold des neuen Jahrhunderts

Die beiden Zukunftsfabriken in der Provinz bündeln wie ein Brennglas das enorme wirtschaftliche Potenzial von Unternehmen, die sich auf Digitalisierung und die damit ausgelöste vierte industrielle Revolution einlassen.

Auch kleine und mittlere Industrie- und Servicefirmen müssen sich dem digitalen Wandel stellen, um im Wettbewerb bestehen zu können. Neue, datengetriebene Herstellungsverfahren ermöglichen die Individualisierung von Produkten für Kunden bis hin zu Losgrößen von eins, kurzfristige Fertigung „on demand“ für lokale Märkte sowie die agile Entwicklung neuer Produkte.

Infografik

Vier Stufen der Industriellen Revolution

Die vernetzte Produktion organisiert sich überwiegend selbst. Entscheidend ist der stete Austausch von Daten und Informationen, zum Beispiel bezüglich der Versorgung mit Rohstoffen oder Bauteilen. Die nahtlose Kommunikation vom Sensor bis ins Internet ist eine Grundvoraussetzung für Industrie 4.0.

Quelle: DFKI 2011

Die Digitalisierung ist ein Wendepunkt in der Geschichte menschlichen Wirtschaftens. Schon 2020 soll es rund 50 Milliarden Objekte und Produkte auf dieser Welt geben, die digital miteinander interagieren und ein schnell wucherndes Internet of Things bilden – mehr als siebenmal so viel wie es Erdenbürger gibt. Ein gigantisches Geschäftspotenzial zeichnet sich ab.

Für Mittelständler dreht sich in Zukunft somit alles um die wirtschaftliche Nutzung des wertvollsten Rohstoffs des 21. Jahrhunderts: digitale Daten. Wie die Großunternehmen werden sich auch kleinere Firmen über ihre Produkte mit ihren Kunden vernetzen. Sei es, um darüber deren Nutzungsverhalten kennenzulernen. Sei es, um vorausschauende Wartung von Maschinen zu betreiben und ihren Abnehmern „mitdenkende “ digitale Services anzubieten. Sei es, um externe Entwicklungs- und Fertigungspartner zu integrieren und Kooperationen mit digitalen Startups für maximale Innovationsleistung einzugehen.

Disruptive Angreifer zwingen zum Einstieg in das digitale Unternehmen

Deutschlands „Hidden Champions“, die oft nur Fachkreisen bekannten mittelständischen Weltmarktführer, sind stark im Maschinen- und Anlagenbau. Sie fertigen Industriepumpen, Turbinen, Spezialfahrzeuge, Abluftanlagen, Messgeräte, Fertigungsmaschinen, Logistiktechnologie oder Energiemanagementsysteme auf kaum noch zu schlagendem Technologie- und Serviceniveau – und bilden damit das Rückgrat der Exportkraft Deutschlands.

Doch lediglich isolierte Apparate auf Topniveau zu konstruieren, wird in einer Ära disruptiver Angreifer nicht mehr reichen. Die Automobilindustrie lernt es gerade und reagiert: Wer „nur“ raffinierte Maschinen herstellt, droht zum Zulieferer toter Blechschalen zu schrumpfen. Geld verdienen dann diejenigen, die das Auto über Sensorik, Server und Software zum Leben erwecken, es zum autonomen Fahrzeug machen, es intelligent um Staus herum zum Parkplatz lotsen, es per Mobilfunk fernwarten und dem Fahrer die beste Musik-Playlist und die komfortabelsten Bürofeatures auf vier Rädern offerieren.

Diese Lektion lernen auch mittelständische Ingenieurfirmen. Denn auch sie haben erkannt, dass das digitale Geschäftsmodell eines unbedarften Neueinsteigers in kurzer Zeit über Jahrzehnte eroberte Weltmärkte aufmischen kann – so wie es Uber mit dem Taxigewerbe tut, Spotify mit der Musikbranche oder Google mit der Medienindustrie.

Die Wucht und Aggression, mit der die Betreiber digitaler Geschäftsmodelle traditionelle Branchen aufzumischen versuchen, ist schier grenzenlos. Man sieht es an Airbnb. Im Jahr 2008 als kleines Start-up gestartet, stieg die Online-Plattform aus dem Silicon Valley in nur neun Jahren zum weltweit größten Übernachtungsanbieter auf und wird mittlerweile auf einen Wert von knapp 30 Milliarden Euro taxiert. Und das, ohne jemals einen Ziegelstein auf den anderen gemörtelt zu haben.

Infografik

Digitalwirtschaft nur Mittelmaß

Die Leistungsfähigkeit der deutschen Digitalwirtschaft – IT, Kommunikationsbranche und Internetwirtschaft – liegt im internationalen Vergleich im Mittelfeld. Die wichtigsten Gründe dafür sind die nicht optimale Netzinfrastruktur und ein Mangel an Fachkräften.

Quelle: Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (Hg.): Monitoring-Report Wirtschaft DIGITAL 2016

Das Undenkbare zu denken, liegt digital oft näher als man denkt

Selbst disruptiv zu sein, ist der vielversprechendste Weg in die digitale Zukunft. Sich für völlig Neues zu öffnen, an das noch niemand gedacht hat, ist die wichtigste Voraussetzung.

Wer im Zeitalter disruptiver Erneuerung bestehen will, muss mehr tun, als „nur“ den alten Kundenstamm zu verwalten. Es gilt, neue Abnehmer für neue digitale Produkte und Services zu finden. Erst wenn das geschafft ist, so Harvard-Guru Clayton Christensen, der die Dynamik disruptiver Innovation grundlegend beschrieben hat, erreicht eine Firma den nötigen Innovationsabstand zum Verfolgerfeld.

Denn klar ist auch: Der Wettbewerb wird im digitalen Zeitalter dramatisch zunehmen. Es gibt damit vor allem bei traditionsbewussten Mittelständlern einiges zu tun. Um kreativ und flink im Denken, Handeln und Entwickeln zu werden, müssen alte Denkmuster und der „Was nicht von uns kommt, taugt nichts“-Reflex ausrangiert und angestammte Hierarchien eingeebnet werden. Oft bringt ein Chief Digital Officer im Vorstandsrang den entscheidenden Durchbruch. Er denkt konsequent das Neue, ohne dabei das bewährte Alte, mit dem ja noch eine Weile Geld verdient wird, zu gefährden.

Aber auch die Belegschaft muss mitziehen. Digitale Fortbildungen, Design Thinking Workshops und Rapid Prototyping Sprints sind kein überflüssiger Schnickschnack, sondern unverzichtbare Instrumente, um das hohe Tempo der Digitalisierung mithalten und ihr Potenzial nutzen zu können.

Was spricht also dagegen, dass ein Landmaschinenhersteller aus Niedersachsen auf ein cleveres Team im Silicon Valley trifft und gemeinsam mit diesem in die digitale Zukunft aufbricht? Zum Beispiel, indem er mit seinen Geräten nebenbei detaillierte Daten über Wetter, Düngereinsatz und Bodenbeschaffenheit sammelt und aufbereitet, um diese etwa an Saatguthersteller zu verkaufen oder an Finanzdienstleister, die Agrarkontrakte an Börsen handeln?

Viele Mittelständler sind bereits rege digitale Pioniere geworden

Digitale Technologien werden rasch für einen breiten Kreis an Unternehmen wirtschaftlich erschwinglich. Die Rechnerleistung eines 100 Euro teuren Smartphones kostete vor 30 Jahren mehrere Millionen Euro. Beinahe täglich erleben wir Quantensprünge in der Robotik, in der Datenanalyse, beim Cloud Computing, bei der künstlichen Intelligenz, bei Werkstoffen und neuen Produktionsweisen wie dem 3D-Druck.

Viele Mittelständler haben die neuen Technologien schon mit Kreativität und Mut aufgegriffen und sind damit rege digitale Pioniere geworden. Es reicht oft schon der kleine Schritt für den ersten Erfolg.
Da ist die mittelständische Hotelkette, die eine Check-in-App entwickelt hat, die das zeitaufwendige Anmelden am Empfang überflüssig macht.
Da bietet ein schwäbischer Gastronomietechnikspezialist mit 600 Mitarbeitern einen App-gesteuerten Speisenbehälter an, der Hygienedaten wie Temperatur, Ort, Zeit, Herkunft, Verarbeitung und Zusammensetzung in einem digitalen Logbuch aufzeichnet. Ein analoges Qualitätsprodukt wird dabei vernetzt und fit gemacht für eine Welt, in der mit digitalen Services Geld verdient wird.
Da ist die kleine nordbayerische Online-Druckerei für Plakate, Visitenkarten und Magazine, die dank hochproduktiver digitaler Sammeldruckverfahren heute in 15 Ländern aktiv und mit 300 Millionen Euro Umsatz das größte Unternehmen seiner Art in Europa geworden ist.
Da ist schließlich der mittelständische Familienkonzern, der im Zuge einer digitalen Plattformstrategie einen App Store eingerichtet hat, wo externe Entwickler Software für die Maschinen und Industrieanlagen des Unternehmens anbieten können.

Der permanente Unruhestand ist das neue „normal“

Es sind oft wirtschaftlich riskante Schritte, die mittelständische Unternehmer in der Digitalisierung gehen müssen. Eben weil im „zweiten Maschinenzeitalter“ rasante Technologiefortschritte oft zu Versuch und Irrtum zwingen. Auch das „Fail forward“, das Lernen aus Fehlern, muss deshalb fester Bestandteil einer mittelständischen Digitalstrategie sein. Es ist immer noch besser, in die vierte industrielle Revolution zu investieren, als von ihrer Rasanz abgehängt zu werden.

Die permanente Ausrichtung ihrer Firmen auf die rasch entstehenden digitalen Märkte und Geschäftsmodelle wird auch für Mittelständler bald der normale Modus Operandi sein. Es ist wie bei manchen Haien. Sie müssen ununterbrochen schwimmen, um die Kiemen mit Sauerstoff zu füllen. Für Stillstand bleibt im momentanen Sturm und Drang der Digitalisierung keine Zeit.

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