Innovation: Deutsche Gründlichkeit reicht nicht mehr
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Innovation: Deutsche Gründlichkeit reicht nicht mehr

Digitaler Wandel

Innovationsförderung als Gratwanderung: Der digitale Wandel zwingt Unternehmen zu schnellen Entscheidungen. Experten machen besonders im Mittelstand einen Mangel an digitalen Innovationen aus und ermutigen die Firmen, ihre eigenen Produkte zu hinterfragen.

Christof Heidemeyer kennt die Probleme, mit denen Mittelständler bei der Digitalisierung zu kämpfen haben. Er hat es zwar geschafft, mit einem Kollegen in der niedersächsischen 11.000-Einwohner-Gemeinde Wendeburg FloraPrima aufzubauen – einen der größten Blumen-Versandhändler Deutschlands. Aber der Unternehmer sagt: „Der Aufwand, auf dem Land eine vernünftige Internetleitung zu bekommen, war ein mühsamer Kampf. Hätte uns nicht ein regionaler Anbieter hier eine 100-MB-Leitung gelegt, wären wir wohl mittelfristig umgezogen.“ Die Zeit, in der ein Fax und eine ISDN-Leitung ausreichten, sei lange vorbei.

Heidemeyer weiß, wie wichtig die Digitalisierung für sein Geschäft ist. „Bei Software und Hardware sparen wir nicht. Das ist unsere Geschäftsgrundlage“, sagt er. IT-Experten haben für seine Firma eine moderne Internetseite gebaut, auf der Kunden schnell und einfach Blumen bestellen können. Auch Nachfragen zu Bestellungen wurden auf digitalem Wege automatisiert: Falls die Bestellung eines Kunden plötzlich abgebrochen wird – zum Beispiel wegen einer Internetstörung –, erhält der Kunde eine E-Mail mit einem Link, um die Bestellung fortzusetzen.

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Nicht nur für neue Firmen mit guten Geschäftsideen, sondern auch für den Großteil der schon lange bestehenden Mittelständler in Deutschland ist die Digitalisierung eine große Chance. „Doch viele Unternehmen nutzen die Chancen der Digitalisierung noch nicht“, sagt Markus Humpert, Bereichsleiter für Digitale Transformation beim Digitalverband Bitkom. „Digitalisierung muss Chefsache sein“, erklärt Humpert. Die besten Mitarbeiter aus allen Abteilungen sollten im Team eine Digitalstrategie für ihre Firma entwickeln. Der technische Fortschritt erfordere ein Umdenken. Auch Kunden sollten in die Produktentwicklung einbezogen werden.

Eine Studie des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) und des Beratungsunternehmens A.T. Kearney besagt, dass der Erfolg von Mittelständlern wesentlich von der Führungsstärke der Manager und der Unternehmenskultur abhängt. Die gründliche, aber mitunter bedächtige Fortentwicklung bestehender Produkte und Geschäftsmodelle reicht in Zeiten der Disruption nicht mehr aus: Schwachstellen sind demnach mangelnde Innovationsförderung und eine langsame Produktreife. „Gerade mit Blick auf die Herausforderungen der Digitalisierung müssen die Unternehmen dringend darauf hinarbeiten, wettbewerbsfähige Produkte sehr viel schneller aus den Laboren in den Markt zu bringen“, sagt Götz Klink, Partner bei A.T. Kearney.

Infografik

Hemmnisse für das Angehen der Digitalisierung

Wer zu spät kommt, den überholt die Disruption: Die Gründe, dass Unternehmen in Deutschland den digitalen Anschluss verpassen, sind vielfältig. Welche Gründe von Entscheidern am häufigsten angeführt werden, zeigt die Infografik.

Quelle: Vgl. Saam, M., Viete, S. und S. Schiel. (2016): Digitalisierung im Mittelstand: Status Quo, aktuelle Entwicklungen und Herausforderungen. Forschungsprojekt im Auftrag der KfW Bankengruppe. Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), Mannheim.

Wenn aus Herausforderungen unüberwindliche Hürden werden

Was aber hemmt die Unternehmer? Mehr als drei Viertel der Entscheider in mittelständischen Betrieben halten die Digitalisierung ihres Geschäfts für notwendig, doch rund die Hälfte von ihnen sieht darin ein Wagnis, verbunden mit negativen Gefühlen – ein emotionales Hemmnis also. Das belegt eine Studie der „Innovative Alliance“, einem Verbund von Unternehmen aus der IT-Branche. 500 Unternehmer wurden dafür befragt. Schnell werden da die großen Herausforderungen der Digitalisierung zu unüberwindlichen Hürden, so etwa die Investitionen in begehrte, aber teure IT- und Strategie-Experten, die digitale Vernetzung von Produktionskapazitäten oder etwa die systematische Erhebung und Auswertung von Kundendaten. Nicht zuletzt muss eine neue Mentalität auch in der Belegschaft verankert werden – doch Change-Prozesse kommen eben nur schwer ins Rollen, wenn das Führungspersonal zaudert.

Stichwort Unternehmenskultur: Der Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW) will Unternehmer dazu ermutigen, mehr Risiko zu wagen und selbstbewusst neue Ideen auszuprobieren. „Erfolgreiche US-Unternehmen wie Google sehen ihre Produkte nicht als abgeschlossen an, sondern entwickeln sie ständig weiter“, sagt Vize-Präsident Achim Himmelreich. „Unternehmer brauchen auch den Mut, ihre eigenen Produkte zu hinterfragen und durch neue Produkte unnötig zu machen.“ Sonst würden das andere Firmen tun – so wie neue Dienste wie WhatsApp die SMS zurückgedrängt haben.

Gute Beratung ist bei der Umsetzung digitaler Projekte wichtig

Gute Beratung ist also wichtig, wenn es um die Entwicklung und die Finanzierung digitaler Projekte geht. Doch gerade der Mittelstand tut sich damit noch schwer, wie eine Bitkom-Studie aus dem Januar 2017 belegt. Demnach haben bislang nur 18 Prozent der Unternehmen von 20 bis 499 Mitarbeitern Beratungsleistungen zur digitalen Transformation des eigenen Geschäfts in Anspruch genommen, lediglich sechs Prozent planen das für die Zukunft. Bei den größeren Unternehmen mit 500 oder mehr Mitarbeitern ließen sich immerhin 49 Prozent beraten, 22 Prozent haben konkrete Pläne dazu.

„Die Digitalisierung ermöglicht nicht nur eine Optimierung von Geschäftsprozessen, sie erfordert den Umbau bestehender und den Aufbau gänzlich neuer Geschäftsmodelle.“

Dr. Bernhard Rohleder,
Bitkom-Hauptgeschäftsführer

„Die Digitalisierung ermöglicht nicht nur eine Optimierung von Geschäftsprozessen, sie erfordert den Umbau bestehender und den Aufbau gänzlich neuer Geschäftsmodelle“, sagt Bitkom-Hauptgeschäftsführer Dr. Bernhard Rohleder. „Gerade kleinere Unternehmen stehen allerdings vor dem Problem, diese Erkenntnis auch in praktisches Handeln umzusetzen.“ Ein Ansatz könne darin bestehen, vermehrt den Kontakt mit Start-ups zu suchen, die oftmals disruptive Innovationen entwickelten.

Die Kooperation mit Experten aus der jungen Digitalszene ist auch für FloraPrima-Geschäftsführer Christof Heidemeyer eine Voraussetzung für den Erfolg. Er will anderen Unternehmenslenkern Mut machen. Für den Mangel an Entwicklern im ländlichen Raum hat er eine Lösung gefunden: Bei großen Digitalprojekten arbeitet sein Unternehmen mit externen Firmen zusammen. Auf diese Weise muss FloraPrima keine IT-Experten überzeugen, von der hippen Großstadt ins kleine Wendeburg zu ziehen. „Programmierer und Gestalter sind wie empfindliche Pflanzen. Die haben ganz genaue Vorstellungen von ihrem Lebens- und Arbeitsraum“, sagt Heidemeyer. Sein Fazit: „Unternehmen können auch in der sogenannten Provinz mit digitalen Angeboten zu den Marktführern gehören.“

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